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Treffen mit NS-Zeitzeugen

Die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland ist für die meisten Jugendlichen heute unbegreiflich und zugleich abstrakt und weit weg. Wird das Thema im Unterricht behandelt, heißt es dann schon mal „nicht schon wieder Hitler“ oder „das haben wir doch schon gehört“.  Wie erschreckend aktuell und relevant diese Zeit auch heute noch ist, erfährt man, wenn man einen Menschen trifft, der die Jahre unter Hitler selbst miterlebt und erlitten hat. Eine Klasse des Berufsintegrationsjahres (BIJ) der Kolping Bildungsagentur hatte nun die Gelegenheit, einen der letzten Zeitzeugen persönlich kennenzulernen.

"...ich verstehe das eigentlich bis heute nicht,..."

Der im Jahr 1932 geborene Grube wurde als Sohn eines evangelischen Vaters und einer jüdischen Mutter von den Nationalsozialisten verfolgt. „Ich habe erfahren, was es heißt, zu einer Gruppe von Menschen zu gehören, die man nicht haben will“, erzählt Grube. Die Nazis nahmen der Familie die Wohnung weg und Grube kam zusammen mit seinen beiden Geschwistern in ein jüdisches Kinderheim. Teilweise hat Grube positive Erinnerungen an die Zeit dort. Er knüpfte Freundschaften und die Eltern kamen regelmäßig zu Besuch. Wenn die Kinder jedoch nach draußen gingen, wurden sie von anderen nichtjüdischen Kindern angepöbelt, beschimpft und bespuckt: „Ich konnte damit nicht fertig werden, ich verstehe das eigentlich bis heute nicht, warum Kinder anderen Kindern ‚Saujud‘  hinterherrufen, ohne dass dem etwas vorausgegangen war“, so Grube. Sein älterer Bruder habe sich damals zur Wehr gesetzt, er selbst habe es über sich ergehen lassen.

Keine wirkliche Kindheit

Grube durfte nicht zur Schule gehen, was auch zur Folge hatte, dass er nur wenige Freunde hatte. Gespielt hat er mit Materialien, die er draußen gefunden hat. „Sie durften nicht Schwimmen, nicht ins Kino gehen, nicht Fahrrad fahren, nicht in die Schule gehen, was durften Sie eigentlich?“, fragt ein Teilnehmer. „Leben“, antwortet  Grube. Er habe viele Bücher gelesen, seinem Vater, er war Maler,  habe er in der Kriegszeit viel geholfen. Das habe auch etwas Schönes gehabt, weil er so dem Vater nahe war und sie viele Gespräche führten, wenn sie ihren Malerwagen quer durch München schoben.

Vieles wurde Grube erst im Nachhinein bewusst, wie das Annähen des Judensterns an die Kleidung. Als Kind war das für ihn ein gewöhnlicher Vorgang, über den er nicht weiter nachdachte. Drei Monate vor Ende des Krieges wurden die Mutter und die drei Kinder ins KZ in Theresienstadt gebracht.

Grube ist ein aufgeschlossener freundlicher Mann, der sich auch für die Geschichten seiner jungen Zuhörer interessiert. Mit leiser Stimme fragt er die Schüler immer wieder nach ihrer Sichtweise, sucht den Dialog.

Paralellen zwischen damals Verfolgten und heutigen Flüchtlingen

Wie denkt er über Ausländer und Flüchtlinge, wollen die Schüler wissen, die alle einen Migrations- und teilweise auch einen Fluchthintergrund haben.  Er habe keine Vorurteile gegenüber Ausländern, meint Grube, und falls doch, dann sei das ein Punkt, an dem man stetig arbeiten müsse.  Deutschland und die anderen reichen europäischen Länder könnten und müssten noch viel mehr für Flüchtlinge tun, betont Grube. Stattdessen schotteten sich diese Länder immer mehr ab. Ernst Grube sieht hier ungute Parallelen, die ihn an die damalige Zeit erinnern, die er als Kind erleben musste.  Etwa wenn afghanische Geflüchtete nachts von der Polizei im Schlaf überrascht und abgeschoben werden. Dann erinnert er sich an die große Angst, die er als Kind im Konzentrationslager hatte, wo jedes Geräusch eine mögliche Gefahr bedeuten konnte, wo man nie wusste, ob man den nächsten Tag erleben wird. Heute setzt er sich für Flüchtlinge ein, geht  für Menschlichkeit auf die Straße, demonstriert, engagiert sich in Gremien – und diskutiert mit Schulklassen.

Einige Teilnehmer der Kolping-Klasse sehen in der Geschichte Grubes Parallelen zu ihren eigenen Erlebnissen. Auch sie wurden verfolgt, weil sie der „falschen“ Glaubensgruppe angehörten oder sammelten Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung in Deutschland. „Du Ausländer setzt dich nicht auf meinen Stuhl, der ist nur für Deutsche“, habe mal einer zu ihm gesagt als er neu in Deutschland war, erzählt ein Teilnehmer.

Habe er sich jemals überlegt zu konvertieren, will ein Schüler wissen.  „Nein, niemals“, antwortet Grube, er habe sich ja wohl gefühlt als Jude, auch wenn er nie religiös war. Der Schüler erzählt daraufhin, dass er als Angehöriger der religiösen Minderheit der Jesiden ebenfalls verfolgt wurde und aus seinem Heimatland Irak fliehen musste. Auch für ihn sei es nie in Frage gekommen zu konvertieren.

Lebenslanges Lernen

Zuletzt hat Grube eine wichtige Botschaft an die jungen Erwachsenen: Hört nicht auf zu lernen! Lebenslanges Lernen sei das Wichtigste überhaupt. Den unermesslichen Wert von Bildung wisse er gerade deshalb zu schätzen, weil er unter den Nazis nicht zur Schule gehen durfte. Nach Kriegsende besuchte er dann zwei Jahre die Schule, was eine prägende Erfahrung für ihn war. Nicht nur für das Wissen sei das Lernen wichtig, sondern vor allem auch um Freunde zu finden.

Nach der Schule ging Ernst Grube bei seinem Vater in die Lehre, wurde dann Malermeister. Mit fünfundvierzig Jahren drückte er nochmal die Schulbank, holte an der Abendschule sein Abitur nach und wurde Berufsschullehrer. Jetzt, mit 85 Jahren, möchte er noch Englisch lernen, weil er es so oft brauchen könnte, etwa wenn er mit englischsprachigen Menschen in Kontakt kommt, die sich für seine Geschichte interessieren. „Lernt Englisch!“, appelliert er an die Schüler. „Ihr könnt es immer wieder brauchen, auch wenn ihr später mal auf Reisen geht.“ Englisch lernen mache Spaß  –  und sei obendrein einfacher zu lernen als die deutsche Sprache.

 

Die Klassen des Berufsintegrationsjahrs werden bei Kolping und in der Berufsschule fit für das Berufsleben gemacht. Die Zielgruppe setzt sich aus Migranten zwischen 16 und 20 Jahren zusammen, die in der Regel schon ein paar Jahre in Deutschland leben. Neben dem Bewerbungstraining und Deutschunterricht werden auch die kulturelle, soziale und politische Bildung der Teilnehmer gefördert. Im Rahmen dessen werden regelmäßig Exkursionen durchgeführt.

 

Autor: Till Dziallas & Anne Seemann

09.07.2018
(Fotos: Anne Seemann)