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Kulturelle Bildung kann Türen öffnen

Bei einer Vernissage haben Jugendliche der Kolping Bildungsagentur die Ergebnisse eines dreiteiligen Workshops in teils sehr persönlichen Bildern und Collagen präsentiert.

Die Jugendlichen stehen in der Halle des „Munich Center of Community Arts“ (Mucca) im Kreativquartier München vor ihren Bildern. Sie erklären einer jungen Frau, die selbst nicht sehen kann, was sie auf ihren Werken dargestellt haben. Anna Garbe ist Anfang dreißig und blind. Im Alter von fünf Jahren wurde bei ihr eine Autoimmunkrankheit festgestellt, durch die sich ihre Sehkraft immer weiter verschlechterte. Für „Out of Fabric“ leitet sie Workshops zum Thema Inklusion und Integration. Interessiert fragt sie nach, wenn sie etwas genauer wissen will, mehr Details zu den Bildern erfahren möchte. Die SchülerInnen ringen nach Worten, sind aber sichtlich stolz auf das, was sie da in kurzer Zeit geschaffen haben, und freuen sich, dass andere sich dafür interessieren.

Die Vernissage mit selbst entworfenen Bildern und Collagen von Jugendlichen der Kolping Bildungsagentur in München ist der Höhepunkt der Workshop-Reihe „Culture Matters“. Die jungen Menschen mit Migrationshintergrund setzten sich dabei intensiv mit ihrem Leben in Deutschland auseinander, das oft in einem Spannungsfeld zur Kultur ihrer Herkunftsländer steht. Herausgekommen sind äußerst sehenswerte Kunstwerke, die den Besuchern spannende Einblicke gewähren.

„Wenn man keine Liebe hat, hat man gar nichts“

Eines fällt sofort auf: „Liebe“ und „Freiheit“ sind die beiden Themen, die die Jugendlichen am meisten beschäftigen. Sie tauchen immer wieder in den Collagen auf. Eine junge Frau aus dem Irak hat die beiden Wörter in großer Schrift auf ein Plakat gemalt, umrandet von vielen violetten Herzen. „Liebe ist so wichtig! Wenn man keine Liebe hat, hat man gar nichts“, erklärt sie. Aber auch die Freiheit, selbstbestimmt leben zu können, ist ihr sehr wichtig: „In meinem Heimatland gibt es diese Freiheit nicht. Homosexuelle zum Beispiel müssen in Angst leben. Das ist doch schön, dass hier jeder so leben kann, wie er möchte.“

Zwei junge Afghaninnen haben sich auf eindrucksvolle Weise mit dem Thema Zwangsheirat auseinandergesetzt. Ihr Bild wirkt auf den ersten Blick romantisch: Ein Liebespaar hält sich an den Händen, umrahmt von zwei großen Herzen. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass das Herz, das zu der jungen Braut im weißen Kleid gehört, gebrochen ist. Der Mann an ihrer Seite ist ein Greis mit grauem Bart und Gehstock. Eine der beiden Teilnehmerinnen erklärt ihre Motivation zu dem Bild so: „Ein Mädchen kann hier selbst entscheiden, wen es heiraten will, aber in meinem Heimatland ist das oft nicht so. Wenn die Familie von dem Mädchen nicht viel Geld hat, entscheiden die Eltern, wen sie heiraten muss, auch wenn sie nicht will. Der Mann ist oft viel älter.“

Natürlich taucht auch München immer wieder in den Collagen auf: Die Isar, die Frauenkirche, das Olympiastadion. „Wir haben ein Plakat darüber gemacht, was München für uns bedeutet: Eine gute Zukunft, eine Ausbildung, eine Chance auf ein besseres Leben“, sagt eine Teilnehmerin aus Rumänien über ihr Kunstwerk.

Kulturelle Bildung als Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe

Der Vernissage waren drei Workshops vorausgegangen, deren Ziel es war, die Teilnehmenden für Themen rund um Kunst, Kultur, Architektur, öffentlicher Raum, Inklusion und Diversität zu sensibilisieren. Dabei konnten sie ihren Horizont erweitern und ganz nebenbei auch wichtige Kompetenzen erwerben. Denn neben schulischen Qualifikationen und Sprachkenntnissen sind auch Kunst und Kultur ein wichtiger Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe – Kunst kann inspirieren und Menschen verbinden, und so dabei helfen, den jungen Menschen eine persönliche und berufliche Perspektive in München zu geben.

Im ersten Workshop „Stoff auf dem Kopf“ setzten sich die TeilnehmerInnen spielerisch mit Themen wie Religionsfreiheit, Identität, Mode, Toleranz und Gleichstellung auseinander. Sie probierten Kopfbedeckungen verschiedener Religionen und Kulturkreise aus und reflektierten in einer Abschlussrunde die Bedeutung der Grundrechte in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft.
Der zweite Workshop beinhaltete einen Stadtrundgang durch die Münchner Altstadt und die Isarvorstadt. Hier lernten die  jungen Menschen neue Seiten ihres Wohnorts kennen, erfuhren viel über die Geschichte und über die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Metropole mit ihrem angespannten Wohnungsmarkt. Sie bekamen ein Gefühl für die Gegensätze in dieser Stadt vermittelt, wo Superreiche in unmittelbarer Nachbarschaft zu Sozialhilfeempfängern wohnen.
Im dritten und letzten Workshop konnten die Jugendlichen dann ihrer Kreativität freien Lauf lassen und ihre Erfahrungen und Gedanken unter Begleitung der Dozenten künstlerisch verarbeiten. Hierzu verbrachten sie einen Tag am „Munich Center of Community Arts“ und erstellten interessante, teils sehr persönliche Bilder und Collagen, die sie anschließend auf der Vernissage präsentierten.

Die Workshop-Reihe „Culture Matters“ wurde von der Kolping Bildungsagentur in Kooperation mit Filomele (Leitung: Dr. Alexandra Cerny) und Out of Fabric (Leitung: Hannes Hein) durchgeführt. 


Die Zielgruppe der Berufsvorbereitung an der Kolping Bildungsagentur setzt sich aus jungen Menschen zwischen 15 und 20 Jahren zusammen. Die TeilnehmerInnen, die an den Workshops teilgenommen haben, stammen alle aus dem inner- oder außereuropäischen Ausland, einige haben auch einen Fluchthintergrund. Die Wohn- und Lebensumstände der Jugendlichen sind daher sehr unterschiedlich. An der Kolping Bildungsagentur München werden die Teilnehmenden sprachlich gefördert und auf den Eintritt ins Berufsleben vorbereitet.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass die Zielgruppe insbesondere im kulturellen Bereich große Defizite hat. Gleichzeitig ließ sich beobachten, dass kulturelle Angebote eine deutlich positive Wirkung auf die Teilnehmenden haben. Die Kolping Bildungsagentur hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, die kulturelle Bildung der Jugendlichen noch stärker zu fördern.

 

Till Dziallas

28.08.2019
Fotos: Till Dziallas / Kolping München
(von links): Markus Roos, Anne Seemann (beide Kolping Bildungsagentur), Hannes Hein (Out of Fabric), Alexandra Cerny (Filomele), Anna Garbe (Out of Fabric), Elli Hurst (Filomele)

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